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SCHEIDUNG VON SOZIALDEMOKRATEN UND PROTOMARXISTEN

AUTOR: Josef Theobald

VORWORT
Am 7. November 2017, vor genau 100 Jahren, brach in Russland die Große
Sozialistische Oktoberrevolution aus. Der Ablauf dieser Revolution war da-
mals lediglich in Russland denkbar. Durch Georgi Walentinowitsch Plecha-
now (1856-1918) kam der Marxismus nach Russland. Damals glaubte man
allerdings zunächst, dass die Arbeiter nur einen ökonomischen Kampf zu
kämpfen hätten. Allein den Intellektuellen im Bunde mit den Liberalen sei
die Politik zu überlassen. Erst unter Wladimir I. Lenin (1870-1924) faßten   
im russischen Großreich revolutionäre Ideen, wie der Klassenkampf, Fuss.
 
BEITRAG
Durch die Auseinandersetzungen von Karl Kautsky (1854-1938) und Eduard
Bernstein (1850-1932) mit den radikalen Linken in Russland unter W. I. Lenin
(1870-1924) wurde eine Scheidung mit den Sozialdemokaten in Deutschland
eingeleitet. Mit seiner Schrift „Marxismus und Revisionismus“ vom April 1908
sorgte Lenin dann für eine endgültige Trennung zwischen Sozialdemokraten
und Protomarxisten.
 
Die Ursachen der Trennung lagen in vier Punkten. Zum ersten verwarf der
sozialdemokratische Theoretiker Bernstein die Verelendungstheorie. Zum
zweiten erblickte er durch die wachsende Beschäftigung von Intellektuellen
in den neu entstehenden Betrieben in Deutschland einen neuen Mittelstand.
Zum dritten sah er in den Unternehmenskartellen zusehends Vorteile für die
äußeren Märkte durch die zunehmende Spekulation. Zum letzten verwies er
auf den wachsenden Einfluss der Arbeiterschaft auf die Politik durch die statt-
gefundenen Wahlen für den Reichstag. [1]
 
Ein weiterer strittiger Punkt war die historische Einordnung der Sozialdemokratie.
Durch E. Bernstein wird die Arbeiterbewegung von jetzt an als eine ursprünglich
liberale Bewegung gesehen. Am Beispiel Englands hatte schon F. Engels durch
die dortige Industrie, die Ausdehnung der Eisenbahnen, Ozeandampfer und auch
anderer Verkehrsmittel den Grund dafür gesehen, dass sich die Arbeiter in die Ab-
hängigkeit von den Liberalen gebracht hatten, bei denen sie den radikalen Flügel
bildeten. Dies hatte sich erst mit der Chartistenbewegung geändert. [2]   
 
Als ein weiteres Beispiel aus Deutschland kann der Bergarbeiterstreik von 1889
gelten, der durch die Intervention der liberalen Opposition im Reichstag beendet
werden konnte. [3]
 
Schon früher wurde darauf hingewiesen, dass sich die wirtschaftliche Lage im
Deutschland des 19. Jahrhunderts durch eine zunehmende Industrialisierung
erheblich verbesserte. Dazu kamen die veränderten Exportbedingungen in-
folge schon bestehender, durch Deutsche geführte Kontore in aller Welt.
 
Erst nach dem I. Weltkrieg schien es in Deutschland die Möglichkeit einer von
außen betriebenen Einflussnahme zu geben. Nach dem Bestehen der Gruppe
„Internationale“ [4] und der Gründung der KPD über den Weg einer Gründung
des Spartakusbundes [5] schien der Einfluss Moskaus zu wachsen. Unter J.
Stalin gab es während der Weimarer Republik den gewaltigen Versuch, trotz
linker wie rechter Abweichungen stärkste politische Kraft in Deutschland zu
werden. Doch ist man schließlich in der Realität an den deutschen National-
sozialisten gescheitert. Nach dem II. Weltkrieg war es der „kalte Krieg“, der
das Wiedererstehen kommunistischer Parteien erschwerte. Doch blieb der
Wunsch der früheren DDR-Politik nicht gering, auch in der Bundesrepublik
entsprechenden Einfluss zu haben. Dagegen blieb der Einfluss Rotchinas
und Albaniens mäßig, weil man hier nur ein halbherziges Interesse an den
Tag legte. In China während der Ära Deng Xiaopings gab es sogar lediglich
den politischen Willen, den Sozialismus chinesischer Prägung zu realisieren,
d. h. man war davon ausgegangen, dass das hier propagierte politische und
ökonomische System nicht ohne weiteres auf andere Länder zu übertragen
sei.  
   
ANMERKUNGEN
[1] W. I. Lenin, Werke, Band 4, Dietz Verlag, Berlin-Ost 1955, die Seiten
     195 – 197.    
[2] Marx – Engels, Werke, Band 22, Dietz Verlag, Berlin-Ost 1963, hier
     die Seiten 308 + 309.
[3] Marx – Engels, Über Deutschland und die deutsche Arbeiterbewegung,
     Band 3: Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, Dietz Verlag, Berlin-
     Ost 1980, Seite 694.
[4] Die Gruppe „Internationale“ wurde im Frühjahr 1915 mit einer Zeitschrift
     gleichen Namens gegründet. Sie wollte während des I. Weltkrieges den
     „Burgfrieden“ durchbrechen und stand für einige Friedensaktionen. Trotz
     ihrer mehrjährigen Tätigkeit gelang es ihr nicht, zur Vereinigung der inter-
     nationalen Linken beizutragen. Ihre Hauptvertreter waren Karl Liebknecht
     und Rosa Luxemburg. (W. I. Lenin, Über Deutschland und die deutsche
     Arbeiterbewegung, Dietz Verlag, Berlin-Ost 1976, Seiten 414 + 446) In
     den späteren Jahren hatte Stalin der KPD kaum vertraut. Denn er hatte
     hier stets aufgrund ihrer sozialdemokratischen Traditionen eine rechte
     Gefahr unterstellt, von der die KPD noch lange nicht befreit war. (J. W.
     Stalin, Werke, Band 11, Dietz Verlag, Berlin-Ost 1954, Seite 275)
[5] Die „Spartakusleute“ galten in der Sowjetunion als die einzige Gruppe
     in Deutschland, die wirklich gegen das Joch des Kapitalismus kämpfte.
     Diese Namensgebung geht auf den Helden „Spartakus“ in der Epoche
     des Römischen Reiches mit den größten Sklavenaufständen zurück.

     (W. I. Lenin, Werke, Band 29, Seite 472) Jene Hauptvertreter dieser
     Gruppe waren Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Nach dem Tod
     Stalins und der einsetzenden Entstalinisierung im Sowjetblock wurden
     beide offiziell rehabilitiert. In China und Albanien blieb die alte kritische
     Haltung gegenüber beiden Persönlichkeiten bestehen.